Grundlagen
Ein allgemein gültiges Verständnis von Berufsorientierung liegt bisher nicht vor. Unstrittig ist, dass sie beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt eine zentrale Rolle spielt, denn angesichts der steigenden Anforderungen der Arbeitswelt müssen Jugendliche Kompetenzen entwickeln, mit denen es ihnen gelingt, unterschiedliche berufliche Situationen zu bestehen und wechselnde Erwerbsbiografien zu bewältigen (vgl. Berufsbildungsbericht 2010, S. 47).
Neben dem Begriff Berufsorientierung wird auch der Begriff Berufliche Orientierung genutzt. 2017 empfahl die Kultusministerkonferenz, „Berufliche Orientierung“ bundesweit einheitlich zu verwenden (vgl. Empfehlung zur Beruflichen Orientierung an Schulen, KMK, 7.12.2017, S.2). Darunter wird ein durchgängiger Prozess verstanden, der mit der schulischen Bildung beginnt und bis zum Übergang in Ausbildung, Studium oder Beruf reicht. Dieser Ansatz betont den Prozesscharakter statt eines einmaligen Ereignisses. Dennoch werden beide Begriffe üblicherweise synonym gebraucht.
Das Bundesinstitut für Berufliche Bildung (BIBB) definiert den Begriff der Berufsorientierung bzw. der Beruflichen Orientierung wie folgt:
„Berufliche Orientierung ist ein Prozess mit zwei Seiten: Auf der einen stehen Jugendliche, die sich selbst orientieren, ihre eigenen Interessen, Kompetenzen und Ziele kennen lernen. Auf der anderen stehen die Anforderungen der Arbeitswelt, auf die hin junge Menschen orientiert werden. Beide Seiten müssen immer wieder neu abgestimmt werden. Angebote der Beruflichen Orientierung unterstützen junge Menschen, diesen Prozess zu meistern.“
Gerade im Hinblick auf die zunehmende Komplexität und Vielfalt der Berufswelt im Zuge von Globalisierung, Digitalisierung und technologischem Wandel kommt der Berufsberatung und Berufsorientierung eine immer größere Bedeutung zu (vgl. Berufsbildungsbericht 2024, S. 17).
Die Berufsorientierung stellt eine wesentliche gesellschaftliche Aufgabe dar. Die entsprechenden Angebote und Maßnahmen der Berufsberatung und Berufsorientierung sind im Sozialgesetzbuch III (SGB III) verankert und als gesetzliche Leistungen festgelegt. Dies umfasst unter anderem die § 33 (Berufsorientierung), §48 Berufsorientierungsmaßnahmen), §48a (Berufsorientierungspraktikum) sowie §49 (Berufseinstiegsbegleitung). Zuständig für die Umsetzung dieser Leistungen sind die Agenturen für Arbeit, die junge Menschen zu Fragen der Berufsorientierung und -wahl beraten.
In der Initiative Bildungsketten arbeiten Bund, Länder und die Bundesagentur für Arbeit (BA) eng mit dem Ziel zusammen, dass jungen Menschen der Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf möglichst reibungslos gelingt. Ein Schwerpunkt der Initiative liegt im Bereich Berufsorientierung.
Auf Länderebene ist die Berufsorientierung integraler Bestandteil der Schulgesetzgebung und der Bildungspläne der Bundesländer. (vgl. Dokumentation zur Beruflichen Orientierung an allgemeinbildenden Schulen, Beschluss der KMK vom 1.9.2023).
Eine Berufsorientierung, die zu einer reflektierten und selbstbestimmten Berufswahl führt, basiert auch auf einer fundierten Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken, Fähigkeiten und Interessen. Ebenso wichtig ist es, die eigene Lebens- und Karriereplanung in den Entscheidungsprozess einzubeziehen. Zusätzlich sollte die Wahrnehmung der eigenen Person durch andere sowie die Reflexion geschlechterspezifischer Aspekte berücksichtigt werden.
Um diese Ziele zu verwirklichen, werden im Rahmen der Berufsorientierung vielfältige schulische und außerschulische Instrumente und Angebote eingesetzt.
Zu ihnen gehören:
- Kompetenzfeststellungsverfahren, Potenzialanalysen
- Berufswahltests
- Dokumentationssysteme zur Erfassung der erworbenen Kompetenzen, wie der Berufswahlpass bzw. die berufswahlapp
- Berufsorientierungswochen
- Girls`Day und Boys`Day
- Praxistage, Betriebsbesichtigungen
- Ausbildungs-(Studien)botschafter/innen
- Berufsmessen
- Praktika
- Online-Portale, wie zum Beispiel zynd.de, berufenavi.de, meinBERUF
- Online-Tests, wie z.B. Check -U
- Berufsinformationszentren
Da der Prozess der Berufsfindung nicht immer nach Verlassen der allgemeinbildenden Schule abgeschlossen ist, können in den verschiedenen Bildungsphasen des Übergangsbereichs immer wieder auch Elemente der Berufsorientierung zum Tragen kommen.
Um die Ziele der Berufsorientierung zu erreichen, wurden in den letzten Jahren zahlreiche Programme aufgelegt und verschiedene Projekte und Maßnahmen finanziert, an denen unterschiedliche Akteure und Institutionen beteiligt sind. Dies erfordert – wie in allen Phasen des beruflichen Übergangsbereichs – ein mit allen Beteiligten abgestimmtes Konzept, welches in das gesamte Bildungssystem eingebettet ist.
Die Entwicklung und Umsetzung der Berufsorientierung in Hamburg wird im folgendem Menüpunkt „Berufsorientierung in Hamburg“ erläutert.
Weiterführende Informationen
- Dossier Berufsorientierung. Umfassende und aktuelle Hintergrundinformationen auf der Plattform der Fachstelle Übergänge in Ausbildung und Beruf www.überaus.de des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB).
- Portal für klischeefreie Berufsorientierung: Das Ziel der Initiative „Nationale Kooperationen zur geschlechtergerechten Berufs- und Studienwahl“ ist eine klischeefreie Berufsorientierung. Auf dem Online-Angebot www.klischee-frei.de finden am Berufswahlprozess Beteiligte Informationen über eine Berufs- und Studienwahl ohne einschränkende Vorurteile, in der allein Interessen und Fähigkeiten im Mittelpunkt stehen sollen. Außerdem bietet das Portal Best-Practice-Beispiele, Arbeitshilfen, Beratung sowie Veranstaltungshinweise und Links.
- Inklusive Berufsorientierung, Marc Thielen, Birgit Beierling, Ruth Enggruber, Frank Neises, Andreas Oehme, Leander Palleit, Wolfgang Schröer & Frank Tillmann, Hrsg.: Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband – Gesamtverband, 2025.
- Auswahlbibliografie „Berufsorientierung“. Karin Langenkamp und Markus Linten. In: Bundesinstitut für Berufsbildung BIBB (Hrsg.): VET Repository, August 2025.
- Leitfaden Berufliche Orientierung. Praxishandbuch zur qualitätszentrierten Ausbildungs- und Studienorientierung an Schulen. Bertelsmann Stiftung, SCHULEWIRTSCHAFT Deutschland, MTO Psychologische Forschung und Beratung GmbH (Hrsg.). Gütersloh 2024.
- Berufsorientierung. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Tim Brüggemann und Sylvia Rahn (Hrsg.). Münster 2020.
- Die Bundesarbeitsgemeinschaft SCHULEWIRTSCHAFT Deutschland hat eine Materialsammlung erstellt, die Checklisten, Handlungsleitfäden, Musterverträge und weitere Publikationen aus dem Netzwerk zur Unterstützung der praktischen Arbeit enthält.
- Integriertes Lernen von Sprache und Fach in der Berufsorientierung und Berufsvorbereitung von Geflüchteten. Wissenschaftliche Expertise zum Programm „Berufsorientierung für Flüchtlinge“ (BOF). Anke Settelmeyer, Gesa Münchhausen, Kerstin Schneider. 2019 (Reihe: BIBB Fachbeiträge zur beruflichen Bildung, 207).
- Deutschland ist das Land der Chancen: Berufsorientierungen junger Geflüchteter. Eine qualitative SINUS-Studie. Marc Calmbach, James Edwards. Berlin 2019.
- Zwischen „Da kam so raus, dass ich handwerklich begabt bin.“ und „Ich wollte noch ein bisschen Schule genießen.“ Evaluation des BMBF-Programms zur „Förderung der Berufsorientierung in überbetrieblichen und vergleichbaren Berufsbildungsstätten“. Sonderbericht des Bundesinstituts für Berufsbildung. Rostock 2017.
- Berufs- und Studienorientierung inklusiv gestalten. Leitfaden Handicap… na und?. Bundesagentur für Arbeit, Netzwerk SCHULEWIRTSCHAFT (Hrsg.). Ohne Ort 2015.
- Gendersensible Berufsorientierung im Übergang Schule – Beruf. AWO Handreichung. AWO Bundesverband e. V. (Hrsg.). Berlin 2015.
- Berufsorientierung. Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung. Expertise im Auftrag des Good Practice Center (GPC) im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Sven Deeken und Bert Butz. Bonn 2010.