Die erste Zielgruppe des Übergangsbereichs bildete die wachsende Zahl von unversorgten und unzureichend qualifizierten Jugendlichen, für die in den 70er Jahren aufgrund fehlender Ausbildungsangebote und Jobs erstmalig berufsvorbereitende Schulklassen eingerichtet wurden (vgl. Schierholz 2001).
Seit Einführung des Modellprogramms zur Benachteiligtenförderung im Jahr 1980 erweiterte sich der Personenkreis um die jungen Menschen, die als „benachteiligt“ bezeichnet wurden. Neben den individuellen, sozialen Beeinträchtigungen kamen später auch jene hinzu, die durch einen exkludierenden Ausbildungs- und Arbeitsmarkt entstanden und die sogenannte „Marktbenachteiligung“ hervorbrachten (vgl. Würfel 2002, Lex 2002 in Aktuelle Tendenzen in der schulischen Berufsvorbereitung, 2007).
Eine allgemein gültige Definition für die Zielgruppe der Benachteiligtenförderung liegt nicht vor, „da der Begriff nicht objektiv gefasst werden kann, sondern immer im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse steht und davon ausgehend betrachtet werden muss. Zu den wesentlichen Bedingungsfaktoren zählt die jeweilige Situation des bestehenden Angebots des (regionalen) Ausbildungs- und Arbeitsmarktes. Die geförderten Zielgruppen variieren je nach gesetzlicher Grundlage bzw. entsprechend den Förderrichtlinien der jeweiligen Regelangebote sowie Modellprogramme“ (Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2010, Seite 251, BIBB).
Übergreifend wird hinsichtlich der Zielgruppe u.a. auch von „Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf“, „Jugendlichen mit schlechten Startchancen“, „Jugendlichen mit Berufsstartschwierigkeiten“ oder auch von „Risikogruppen“ gesprochen. Hinter diesen Bezeichnungen verbirgt sich eine sehr heterogene Zielgruppe, die immer wieder zu Systematisierungsversuchen führte (siehe weiterführende Links). In der Regel zählen zu den sogenannten „Risikogruppen“
- An- und Ungelernte,
- Jugendliche mit Behinderungen,
- individuell Beeinträchtigte,
- Lernbeeinträchtigte,
- Mädchen und Frauen,
- junge Alleinerziehende,
- Jugendliche mit Migrations- bzw. Fluchthintergrund und
- sozial Benachteiligte.
Die Systematisierungsansätze sind nicht unumstritten. Einerseits werden sie als unumgänglich angesehen, wenn man jedem jungen Menschen die pädagogisch individualisierten Förderangebote eröffnen will, die seine verschiedenen Interessen- und Bedürfnislagen berücksichtigen. Andererseits werden die Systematisierungsansätze kritisiert, weil „alle Begriffe direkt oder indirekt zur negativen Etikettierung, Stigmatisierung, Ausgrenzung und zur Etablierung von Sondermaßnahmen beitragen“ (vgl. Rützel, 1995, Randgruppen in der beruflichen Bildung, Seite 111). Dieses grundlegende Dilemma hält bis heute an.
Weiterführende Informationen
- „Wer passt hier nicht zu wem? Sozial benachteiligte und individuell beeinträchtigte junge Menschen und die Förderangebote im Übergang Schule-Beruf“. Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ. Berlin, 28./29. Juni 2018.
- Einführung in die Berufliche Förderpädagogik. Pädagogische Basics zum Verständnis benachteiligter Jugendlicher. Arnulf Bojanowski, Martin Koch, Günter Ratschinski, Ariane Steuber (Hrsg.). Ohne Ort 2013 (Reihe: Waxmann Studium).
- „Versuch einer Typologie von „Risikogruppen“ im Übergangssystem – und damit verbundenen Risiken“. Prof. Dr. Ruth Enggruber. In: www.bwp@Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, Spezial 5 (2011), WS 15.
- Auf dem Weg zu einem abgestimmten Übergangssystem von der Schule in den Beruf. Eine Handreichung zur Praxis der »BerufsWegeBegleitung«. Angela Paul-Kohlhoff, Melanie Weigele / Bundesinstitut für Berufsbildung Bonn, Technische Universität Darmstadt (Hrsg). Bonn und Darmstadt 2007.
- Berufliche Qualifizierung Jugendlicher mit besonderem Förderbedarf – Benachteiligtenförderung. Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF, Referat Publikationen; Internetredaktion (Hrsg.). Bonn, Berlin 2005.
- Forschung in der Benachteiligtenförderung. Sondierungen in einer unübersichtlichen Landschaft. Autoren: Arnulf Bojanowski, Peter Eckhardt, Günter Ratschinski (Universität Hannover). In: www.bwp@Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online / Förderung benachteiligter und behinderter Jugendlicher, 6/2004.